wappen0.gif Die Gesetzlose Gesellschaft zu Berlin
Gegründet in Berlin am 4. November 1809

Die Geschichte der Gesellschaft - Teil V


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Anfänge (1809-1810)
Aufstieg und Beharrung (1811-1840)
Unruhige Jahrzehnte (1840-1870/71)
Wandlung (1871-1918)
Festigung (1919-1933/34)
Post Nubila Phoebus (1934-1959)
Ergänzungen (1960-1984)

Erneute Festigung(1919-1933/34)

Die Gesetzlose versuchte ohne langes Säumen, sich zunächst in der kriegsgewohnten Form des einfachen Umtrunks allmählich zusammenzufinden.Es gelang schon am 21. und 28.November.Dann brachte die staatliche Umwälzung ein Novum in der Geschichte der Gesetzlosen: ein Teekränzchen in Folge hohen Regierungsbeschlussescr, nach dem andere, vornehmlich alkoholische Gastereien verboten waren. Die Beteiligung war rege.Ahnlich wie im Kriege suchte jeder bei dem anderen Anlehnung und verlangte nach einem freien Wort in vertrautem Kreise.Auch neue Mitglieder stellten sich ein, das erste schon am 12.Dezember in der Person des Generals der Infanterie z. D. von Haenisch. Seit Ende Dezember begannen Streiks den regelmäßigen Ablauf der Zusammenkünfte zu behindern.Die Tagung am folgenden 1. Mai fiel wegen des erzwungenen Volks-Felertages aus.Vor dem 7. August hatte man sich zu einer dreiwöchigen Pause gezwungen gesehen, "weil das Lokal geschlossen war". Fast ein Jahr nach Anfang der Revolution konnte sich die Gesellschaft am 2. Oktober 1919 "zum ersten Male in dieser elenden Zeit" wieder zu einem gemeinsamen Essen vereinen mit 22 Mitgliedern, dazu drei Gästen. Der Zwingherr Timann, der gern den Pegasus ritt, begrüßte die Erschienenen mit folgenden Worten:

An Alle!

Auf der Gasse herrscht die Masse,
Der Unsinn siegt, Vernunft erliegt,
Throne sanken, Grenzen wanken,
Die Ordnung flieht, wohin man sieht.
Leer die Truhen, Werke ruhen
Und trocknes Brot uns allen droht.
Trotz der Tücke lief zum Glücke
Ein wildes Schwein zur Küche ein.
Mitzuteilen will icli eilen,
Der Schweine-Quark macht funf zehn Mark.
Trinkgeld vacat; siehe Plakat.
Ein jeder Wein bestellt allein.
Schrippen warten ohne Karten,
jedoch für Brot tun Karten not. -
Mag es gären, Sturm gebären,
Nach dunkler Nacht der Tag erwacht.
Ob den Sorgen heut und morgen
Trägt uns empor allein Humor,
Diesem Tröster Leiden größter
Sei trotz Leid mein Glas geweiht.

Nicht in der Form, die ihm zukam, beging man den 110.Stiftungstag. jedenfalls weiß das Protokoll nichts von einem Essen. Aber man feierte ihn doch, indem der Zwingherr die Teilnehmer, unter ihnen zwei Buttmanns, nach einer Würdigung des Gründers und dem Hinweis auf die damalige für das Vaterland so schwere Zeit zur Hoffnung auf eine bessere Zukunft des jetzt gedemütigten Preußen und Deutschlands aufrief. Es ist bekannt, wie das damalige Berlin in der Folge durch die aufgeregte Zeit hindurchtaumelte, und was die armselige Heimatstadt traf, wirkte meist auch irgendwie auf die Gesellschaft zurück.Der Kapp-Putsch und der durch ihn ausgelöste Generalstreik vereitelte ein zweites Essen.Von sowas kommt sowas", schrieb der Zwingherr in das Protokoll.Trotz manches weiteren Streiks gelang es, die gemeinsamen Essen fortzusetzen, natürlich in einfachster Form und sehr unregelmäßig. Timann wurde nicht müde, auf ihnen, und wenn es sich sonst ergab, die Leier zu schlagen. Ein paar Proben!Am 30.April 1920, vor dem Polterabend am 1. Mai", als das Inflationsgedeck 13,50 M kostete, wandte er sich in ,scherzhafter Anrede' an die zwanzig Mitglieder und zwei Gäste:

Der Streik ist heut Gewohnheitsrecht,
Und das bekam uns herzlich schlecht.
Das Essen wurde abgesagt,
Gesetzlos dann auf heut vertagt.
Das Wort ist leicht, die Tat ist schwer,
Denn wo kriegt man das Fleisch gleich her?
Der Hirsch, für uns erst aufgetaut,
War längst von andern schon verdaut.
Doch trotz des Pechs, das uns bedroht,
Wir hatten Schwein in dieser Not.
Der Hirsch, er ward zu guter Letzt
Durch eine wilde Sau ersetzt.
Die speisen heut wir wohlgespickt
Und freu'n uns, daß es doch geglückt,
Und rufen wieder wie zuvor:
"Der Tröster lebe, der Humor.'

Das Fleisch gibt's wieder sans fagon,
jedoch nicht ganz @ discre'tion.
Doch ohne Karte gibt's kein Brot,
So will's noch immer das Gebot.
Dem Wirt wird heute für's Kuvert
Mark siebzehn komma fünf gewährt.
Das Pour boire ist auch dabei;
Das ist der Schluß der Reimerei.

Ernstere Töne fand Timann einige Monate später. am Tage meines 50jährigen Militär- und Dienstjubiläums", am 20.August, wurden von ihm Verse ins Protokollbuch eingetragen, die er betitelte: Der Deutschen Notschrei (nach der Melodie des Niederländischen Dankgebcts).Sie klangen aus:

Send' wieder hernieder,
0 Herr der Geschicke,
Die hohen Herren,
Wie einst uns geschenkt!
Wer könnte noch schirmen
Das Schiff in den Stürmen?
Der eiserne Kanzler,
Der schweigend es lenkt.
Wenn Treue aufs neue
Kehrt ein in die Herzen,
Wenn frei sein heißt treu sein,
Wenn Pflicht geht vor Recht,
Dann woll'n wir aus Trümmern
Das Reich wieder zimmern,
Steh'n wieder in Ehren,
Ein adlig Geschlecht.

Ein andermal versuchte der Barde seiner Stimme einen volleren Klang als sonst zu geben, nach dem französischen Ruhreinbruch:

Weine, Deutschland, weine
Ob der tiefen Schmach,
Die aufs neu am Rheine
Auf Dich niederbrach.

Er schloß nach weiteren Versen:

Besser tot in Ehren
In der Feinde Reih'n,
Als, ohn' sich zu wehren,
Ehrlos lebend sein.
Wer im Kampf geblieben,
Dem als Epitaph
Sei aufs Grab geschrieben:
Lieber tot als Sklav.

Die kräftige Schrift voll Ausdruck und Schwung, mit der diese Verse und anderes in das Protokoll eingetragen sind, läßt eine nicht alltägliche Persönlichkeit ahnen.Der Obergeneralarzt und Sanitätsinspekteur a.D. mit dem Range eines Generalleutnants Dr. Fritz Timann war als 61jähriger 1909 zu den Gesetzlosen gekommen.Durch ihn war eine Verbindung mit dem militärischen Medizinalwesen wieder aufgenommen worden, wie sie in der Frühzeit durch den Generalchirurgus und Generalstabsarzt der Armee Rust (1817) gegeben war.Ruhig, würdig, gewandt, ganz ein Mann der alten Schule, war keiner geeigneter als Timann, nach Hermes' Tode (1915) dessen Nachfolge anzutreten. Monatelang hatte er den Erkrankten bereits vertreten. Eine lange militärärztliche Laufbahn lag hinter ihm.Als Stabsarzt hatte er nach dem Attentat auf Wilhelm I. Unter den Linden im Sommer 1878 als erster dem greisen Monarchen ärztlich helfen können.Zufällig an Ort und Stelle, war er auf den kaiserlichen Wagen gesprungen, hatte die verletzte Arterie zugehalten und so dazu beigetragen, Schlimmeres zu verhüten.Er war in der Folge zu weiterer Behandlung hinzugezogen worden.In der Gesetzlosen hat er sein Tyrannenamt 17 Jahre, wohl die schwersten, die der Gesellschaft bis dahin beschieden waren, aufs trefflichste versehen.Er hatte die Zügel im Kriege ergriffen, durch die Notzcit der Inflation festgehalten, und wenn die Gesetzlose wieder zu frischem Leben voll erblühte, so war es zunächst ihm zu danken, dem kerndeutschen Mann von eiserner Tatkraft, aber auch großer Herzensgüte', wie ihm der nächste Zwingherr nachzurühmen wußte. Timann hatte, heißt es weiter, die Gesetzlose Gesellschaft in sein Herz geschlossen; er lebte und webte in ihr, und sein ganzes Wirken ging darauf hinaus, dieses sein Lebenswerk ungefährdet durch die schweren Zeiten hindurchzubringen.Der Erfolg ist nicht ausgeblieben. Die Gesetzlose Gesellschaft steht heute unerschüttert da, sie hat ihre Mitgliederzahl auf der erwünschten Höhe halten können, und, was das wichtigste ist, sie wird getragen von denselben Gesinnungen, wie sie seit ihrer Gründung herrschend gewesen sind."

In der Hoffnung auf eine weitere Belebung hatte Timann im November 1922 mit den Rodensteinern, Sektion Trarbach-Stübchen', eine Vereinbarung getroffen.Das war eine an sich im Rheinland wurzelnde Trinkgesellschaft, die sich im gleichen sogenannten Generalszimmer des Weinhauses Trarbach regelmäßig versammelte wie die Gesetzlose.Sie stand unter einem Hochmeister, dem General der Infanterie von Amann. Von ihren damals 21 Mitgliedern, mit zwei Ausnahmen Offizieren, fast sämtlich im Generalsrang, waren zwei Gesetzlose, von Zwehl (1912) und Kosch (1919).Zu ihnen gesellten sich bald zwei weitere Rodensteiner, von Kluck (1921) und Clausius (1923).Ein Verkehrsverhältnis wurde verabredet.Mitglieder der einen Gesellschaft durften ohne weiteres bei der anderen als Gäste erscheinen.Gelegentlich traf man zu gemeinsamer Ehrung eines beliebten Mitgliedes zusammen.Hatten die Rodensteiner sich an einem Essen zu Ehren der Goldenen Hochzeit des Generalobersten v. Kluck beteiligt, so besuchten die Gesetzlosen einen Monat später eine festliche Tafel zu Ehren des 85.Geburtstages des Hochmeisters Exz. v. Amann.' Mindestens bis Ende der 20er Jahre hat die Verbindung bestanden.

Im übrigen war die Gesetzlose durchaus in der Lage, ihr Leben aus eigenen Kräften zu gestalten.Da waren wesentliche Träger zunächst Mitglieder, die noch aus der kaiserlichen Zeit stammten.Wir denken etwa an Caspar (1901), von Schönstedt (1906), Kraetke (1909), Gruner (1912), von Zwehl (1912), Lentze (1916).Zu ihnen waren 1919 bis einschließlich 1933 45 neue getreten, in der Mehrzahl hohe Beamte, vielfach zumeist infolge der staatlichen Umwälzung schon in Pension.Viele kamen aus den Ministerien, aus der Justiz die Ministerialdirektoren Bourwieg (1919), Geissler (1923), Hartwig (1928), ein Schwiegersohn Liscos, Thiesing (1932).Aus dem ehemaligen Reichsamt des Innern fanden sich ein die Direktoren just (1924) und v. joncquie'res (1927), aus dem Reichsernährungsministerium der Staatssekretär Mussehl (1932), der als Jenaer stud. jur. ein eifriger Schüler Haeckels gewesen war.Unter Mitgliedern des 'Reichsverkehrsministeriums, wie dem Staatssekretär Bodenstein (1921) und dem Ministerialdirektor Pape (1919) begegnet man dem Staatssekretär Gutbrod (1921), einem bis dahin in der Gesellschaft kaum vertretenen Typ. Der von der Technik ausgegangene geborene Schwabe hatte nach praktischer Arbeit bei der bekannten Berliner Maschinenfabrik Schwarzkopff und anschließendem Maschinenbaustudium seine berufliche Bahn im Dienst der Eisenbahn durchlaufen, bis er vom Eisenbahn-Zentralamt in Berlin 1921 als Direktor in das Ministerium einrückte. Dem Reichswanderungsamt hatte jung (1921) vorgestanden, den als Referendar ausgedehnte Reisen nach Amerika, Afrika, Asien, Rußland, Persien geführt hatten, dem Reichsaufsichtsamt für Privatversicherung Scharmer (1930), ein Nachfolger Gruners (1912) und Vorgänger Kissels (1934), dem Reichsgesundheitsamt Bumm (1930), dem Reichspatentamt Haus (1933). Wie in der kaiserlichen Zeit hatte die Gesetzlose ganz im Gegensatz zum 19.Jahrhundert aus der Richterschaft geringen Zuzug erhalten, nur vier Mitglieder in der gesamten Weimarer Zeit. Zu ihnen gehörte der Kammergerichtspräsident von Staff (1921). Auch die Militärs waren dünn gesät: 7 Offiziere des Heeres, 4 der Marine, unter jenen der schon genannte Generaloberst von Kluck (1921), der Träger des Marne-Schicksals, in der Gesellschaft geschätzt als guter Anekdotenerzähler.Wie die Arzte mit dem Sanitätsrat Hofmeier (1 920) und die Gelehrten mit den früher schon in anderem Zusammenhang genannten Professoren Stutz (1926) und Kirchner (1927) weit hinter anderen Berufsständen zurückblieben, so hat die Gesetzlose auch aus dem Kreise der Wirtschaft kaum neue Mitglieder gewonnen, neben dem schon nach wenigen Jahren nach Leipzig verzogenen Bankdirektor Dr. v. Leuthold (1926) nur zwei: Dr. Sintenis (1922) und Kommerzienrat Selberg (1930).Doch war die Zeit der wirtschaftlichen Wirkung Selbergs bei seinem Eintritt '(er war bereits 78jährig) schon vorüber. Sintenis, Schwiegersohn von Bourwieg, war der Aufstieg vom juristischen Mitarbeiter bei der Berliner Handelsgesellschaft über den Syndikus zum Geschäftsinhaber geglückt.Nach 1914 Mitarbeiter an den wirtschaftlichen Kriegsgesetzen, ist er auch während seiner Tätigkeit als Bankinhaber der Bankwissenschaft treu geblieben, u. a. als ständiger Mitarbeiter des Bank-Archivs, und hat so das Blut der Gelebttenfamilie, aus der er stammte, nicht verleugnet.Einer viel älteren Generation gehörte, wie angedeutet, der nur zwei Jahre unter uns wehende Selberg an.Er hatte einst ein übersee-Handelshaus gegründet und sich früh nationalen und internationalen Wirtschafts- und Kolonialaufgaben gewidmet.Dabei hatte er Anteil an der Entstehung der Deutschen Kolonial-Gesellschaft gehabt, und war stets zur Stelle gewesen, wenn es galt, Hilfsorganisationen aufzustellen, z.B. das große Zeppelin-Komitee von 1909, das Deutsche Hilfskomitee für Deutsch-Südwestafrika beim Herero-Aufstand 1904 usw.Er hat šbrigens auch die Anregung zur Aufstellung des Eisernen Hindenburg auf dem Königsplatz im ersten Weltkrieg gegeben. Einer neuen Erscheinung unter den Gesetzlosen ist zum Schluß zu gedenken, Carl Sempers. Der geborene Stralsunder entstammte einer Altonaer Fabrikanten-Familie.Ein Bruder seines Großvaters war der berühmte Dresdner und Wiener Baumeister Gottfried Semper gewesen. Durch seine Mutter war er Enkel des Begründers der Kieler Howaldtwerke.Er ist, durch von Leuthold eingeführt, 1928 der unsrige geworden.Kurz zuvor war er aus politischen Gründen aus dem Amte des Präsidenten der Preußischen Zentralgenossenschaftskasse, erst 58 Jahre alt, verabschiedet worden.Er hat seine Zeit dann benutzt, an der Berliner Universität im Jahre 1931 zum Dr. phil. zu promovieren mit einer Dissertation über "Die Konzentrationsbewegung im landwirtschaftlichen Kreditwesen Deutschlands", die in erweiterter Form als Buch erschienen ist.Zu großer Bedeutung für die Entwicklung der Gesellschaft ist er als Zwingherr in nationalsozialistischen Jahren gelangt.

Beim Überblick über die Gesamtheit der Gesetzlosen in der Weimarer Zeit ergibt sich keine Anderung des soziologischen Bildes nach der staatlichen Umwälzung, wie auch zu erwarten war.Es wurde weiter bestimmt durch pensionierte hohe Beamte und einige im Ruhestand lebende hohe Militärs.Die bereits in früherer Zeit beobachtete'Cberalterung hatte sich fortgesetzt.Politisch spannte sich der Bogen von Anhängern der äußersten Rechten bis in die (ehemals national-liberalen) Kreise der Deutschen Volkspartei.Den einen Flügel bezeichnete etwa der einstige Chef der Zivilverwaltung in Warschau, Dr. von Kries (1922), der, 1919 als Landrat zur Disposition gestellt, 1928 aus dem Preußischen Staatsdienst entlassen war.Als Konservativer war er 1908 bis 1918 Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses gewesen, hatte als Deutschnationaler der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung, seit 1920 dem Preußischen Landtag angehört, dessen erster Vizepräsident er 1931 geworden war.Der andere Flügel war etwa durch den Ministerialdircktor a. D. Just (1924) vertreten, der bis 1918 als National-Liberaler ein Landtagsmandat inne gehabt hatte.Anhänger der Demokratischen Partei haben während dieser Zeit der Gesetzlosen noch nicht angehört. Gäste wurden in diesen Jahrzehnten nur vereinzelt eingeführt.Es geschah fast stets im Hinblick auf künftige Mitgliedschaft.Diese schien häufig geradezu mit der beruflichen Stellung zusammenzuhängen.So ist der Chef der Personalabteilung des Preuß.Justiz-Ministeriums nacheinander in Personen wie Bourwieg, Geissler, Hartwig"gesetzlos" geworden. Ein Leben in gewohnter Breite konnte natürlich erst nach beendeter Inflation erwachsen. "Die unsinnige Preissteigerung zwang die Gesellschaft", schrieb Timann am 2. November 1923 in das Protokoll, "das bisherige Lokal bei Trarbach zu verlassen" (seit 1916 war man dort) und in das Landwehr-Offiziers-Kasino (in der jebensstra:ße) überzusiedeln. Wir kamen vom Regen unter den Regen. Am 1. November war hier die Goldmark-Rechnung eingeführt.Die halbe Flasche billigsten Weines kostete jetzt 89,8 Milliarden, 10 Tage vorher die ganze Flasche nur 420 Millionen.Die Mitglieder bcgnügten sich daher mit Bier, das Glas zu 3550 Millionen.' Man kehrte also am 1. Februar 1924 wieder zu Tratbach nach der Kantstraße 8 zurück.Weshalb man dann am 18.Dezember 1925 "im neuen Lokal Astoria-Stuben Hardenbergstraße 15 bei Herrn Haupt" einkehrte, wo die Gesetzlosen auch in den Jahren 1927 und 1928 ein paarmal zu finden sind, läßt sich nicht sagen.Es scheint, daß dort nur vereinzelte gemeinschaftliche Essen veranstaltet wurden, ebenso einmal im Landwehr-Offizierskasino.Spätestens seit Mai 1928 war Trarbach auf die Dauer wiedergewählt worden und ist es bis Sommer 1936 geblieben.An seine Stelle traten die Weinstuben von Ewest in der Behrenstraße 26a, im Eckhaus der Friedrichstraße.Bis nahezu an das Ende des Krieges hat dort das Zietenzimmer, ausgestattet mit der Einrichtung des Kasinos der Rathenower Zietenhusaren, die Gesetzlosen aufgenommen.Nach dem ersten Weltkrieg hatte die Gesellschaft zunächst das in ihm eingeführte allwöchentliche Treffen beibehalten, bis Ende November 1922 die Benutzung des gleichen Raumes durch die Rodensteiner zu einem 14tägigen Turnus zwang.Der seit dem Weltkrieg übliche Freitag ist nach einigem Wechsel seit Mai 1922 der gewohnte Wochentag geworden.

Die vierteljährlich stattfindenden gemeinsamen Essen trugen nun einen anderen Charakter als die Tafeleien, die bis zum Weltkrieg die Gesetzlosen alle 14 Tage vereint hatten.Die Seltenheit machte sie festlicher. Äußerlich prägte es sich darin aus, daß man im Smoking erschien. Das Ansetzen einer Bowle erschien wie eine Handlung höheren Grades, und ihr Zelebrant war der in ihre Mysterien tief eingeweihte Gesetzlose Hayessen (1919). Aus dem üblichen Ablauf des gesellschaftlichen Lebens hob sich die Feier des 120.Stiftungstages am 1. November 1929 heraus. 26 Mitglieder und 4 Gäste hatten sich dazu vereint.Unter letzteren war der Rodensteiner von Hepke. Er wird die Glückwünsche seines "Heerbannes" überbracht haben, wie sie der Rodensteinische Hochmeister v. Altrock, "Gegeben am 1. Nebelung 1929", auf einem mit seinem Wappen gezierten Kärtchen niedergelegt hatte:

Dem Zwingmeyster der Gesetzlosen!
Vom Wilden Heerpann vom Rodenstein!
Das Leben währet siebzig Jahre,
Auch achtzig heimst noch mancher ein,
Doch hundertzwanzig, die sind rare,
Dazu muß man "gesetzlos" sein!
"Die" Frist liegt jenseits der Gesetze
Und außerhalb des Lebens Mal,
Liegt weltenfern von aller Hetze
Die wahrhaft auserwählte Zahl.
Ihr habt sie glaubhaft nachgewiesen,
Drum seid gegrüßt zum jubeltest,
Vom Heerpann himmelhoch gepriesen,
Der lebt und andre leben läßt.
Euch bringt im allerbesten Weine -
Daß es die ganze Mitwelt seh -
Die Wilde Rodensteingemeine
Heut: Hundertzwanzig Hollaheh!!!!!! usw.

Welche Worte der Zwingherr Timann fand (denn sicher hat er gesprochen), wissen wir nicht.Er wird Buttmanns gedacht haben, an dessen Verdienst er einige Monate zuvor erinnert hatte, als die Gesetzlosen an dessen 100.Todestage zusammengekommen waren.Vielleicht hatte er auch in Reimen getoastet, wie er,es gerne tat.So hatte er das Jahr 1930 begrüßt, dabei die Sorgen für die deutsche Zukunft nicht verschwiegen, um zu schließen:

Doch heute weg die Politik
Von unserm trauten Kreise.
Gesetzlos heißen wir zum Glück
Nach alter Buttmannsweise.
Mög fürder herrschen Geist und Witz
An unserer Tafelrunde,
Und der Humor behalt' den Sitz
Bei uns zu jeder Stunde.

Sorgenvoll erklang Timanns Gruß auch für das Jahr 1931. Darinheißt es u.a.:

Die Nazis prahlen mit viel Geschrei,
Durch sie würd' Deutschland genesen.
Die Henne gackert nach jedem Ei,
Auch wenn es ein Windei gewesen.
Vielleicht, wenn dies Kind gediehen zum Mann,
Politisch reifer sein Denken,
Das ganze Volk seinem Ziele gewann,
Da könnt' es Freiheit uns schenken.

Diesen Toast hatte der Zwingherr begonnen mit den Worten:

Die Glocken klangen um Mitternacht,
Dem neuen Jahre zu Ehren,
Bei diesem Klang ein jeder dacht,
Was wird die Zukunft gebären.

Noch am Ende dieses Jahres nahm das Schicksal den Zwingherrn aus den Reihen seiner Getreuen. Am 4. Dezember war er zum letzten Male unter ihnen.Dann packte ihn eine kurze Krankheit. Am Abend des 21. Dezember 1931 entschlief er sanft im 84.Lebensjahre. Die Beisetzung erfolgte in aller Stille im Beisein nur der engsten Familie am 24.Dezember, 12 Uhr, auf dem Garnison-Friedhof in der Hasenheide. In der ersten Januar-Sitzung gedachte der Vizeadmiral a.D. Schrader, der Timann hie und da vertreten hatte, des 13.Zwingherrn. Im Anschluß wurde er als Nachfolger "gewählt und bestätigt". Schrader hatte sich 1921 den Gesetzlosen angeschlossen, wahrscheinlich von Tirpitz veranlaßt, dessen Vertrauen er genoß. Im Reichsmarineamt hatte früher die wichtige Abteilung Schiffsbau seiner Leitung unterstanden.Sein Wesen unterschied sich weithin von dem des vielfach interessierten, fast patriarchalischen Timann.Er hatte, wird versichert, die Allüren eines Junggesellen.Die Höhe der vorangegangenen Zwingherrschaft wurde kaum gewahrt.Wenn das Protokoll sich fortan fast ganz auf bloße Namenslisten und Todesangaben beschränkt, so mochte das angebracht sein, nachdem die Regierungsgewalt nationalsozialistischen Händen überantwortet war.Der Gesellschaft selbst sind keine Schwierigkeiten bereitet worden, wohl aber ist einzelnen Mitgliedern Leid nicht erspart geblieben.Daß die Gesetzlose fast in ihrer Gesamtheit keine Erwartungen einer glücklicheren Zukunft hegte, war bei der Struktur der Gesellschaft selbstverständlich. In kritischster Zeit - der Reichspräsident von Hindenburg war einige Monate zuvor gestorben - feierte die Gesellschaft ihr 125jähriges Bestehen am 7. Dezember 1934.Von den damaligen 36 Mitgliedern waren 29 zur Stelle, 5 Gäste waren geladen, unter ihnen Graf Westarp, der bekannte Politiker, dem übrigens einmal die Aufnahme in die Gesetzlose versagt geblieben ist.Die Feier in den Weinstuben Trarbach in der Kantstraße fand nach der Angabe des Zwingherrn "in der einfachen gesetzlosen Form der sonstigen gemeinschaftlichen Essen statt und verlief zur allgemeinen Zufriedenheit.Es ging also auch ohne Caviar, Schildkrötensuppe und Sekt." Die Festgabe bestand aus einem bis 1934 reichenden Neudruck der Mitgliederliste.Ein klassisch-poetischer Gruß war von dem erkrankten Scharmer eingegangen:

Tyranno excellenti!
Triste ex absentia
Opto laeta pocula
Per futura saecula.

Eineinviertel Jahrhundert war seit der Gründung vergangen. In allem Wechsel der Zeiten, in aller Unruhe der politischen Begebenheiten, in Krieg und Frieden, in allem Wandel Berlins von der preußischen Königsstadt zur Hauptstadt des Deutschen Reiches und der Weimarer Republik, die Gesetzlose Gesellschaft war geblieben.Sie hatte so manchen ihrer alten Züge bewahrt, und bewährt hatte sie sich auch.Wievielen Generationen war sie eine liebe Stätte froher, ungezwungener, geistig belebter Geselligkeit gewesen!Die Gesetzlose war zugleich mehr.So wenig sie nach den ersten zwei Jahrzehnten ihres Daseins noch im vollen Lichte der öffentlichkeit gestanden hatte, vielmehr in der Zurückgezogenheit ihre Fäden von Person zu Person gesponnen hatte, in diesem Kreise formte sieh ein Teil berlinischer Kultur- und Sozialgeschichte.Auch dessen wird man sich vielleicht in jenen Dezembertagen 1934 bewußt ge- worden sein.Wenige Wochen darauf schloß der Zwingherr einen dicken Band der Protokolle ab, den dritten in der Reihe.Er hatte 100 Jahre und einen Monat treue Dienste geleistet.Auch äußerlich wurde so ein Abschnitt in dem Leben der Gesellschaft betont.
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Letzte Änderung: 14.09.2012
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