wappen0.gif Die Gesetzlose Gesellschaft zu Berlin
Gegründet in Berlin am 4. November 1809

Naturforscher in der Gesetzlosen Gesellschaft


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Ansprache am 2. November 1956 zur Feier des Stiftungstages der Gesetzlosen Gesellschaft

Von Friedrich Solger

Als Sie vor zwei Jahren Herrn Hoppe und mich in Ihren Kreis aufnahmen, da gewährte unser "Zwingherr" uns einen Einblick in die älteren Akten der "Gesetzlosen Gesellschaft" und regte an, daß wir von dem Bilde, das wir daraus gewännen, auch dem weiteren Kreise der Mitglieder Kenntnis gäben. Daraufhin hat uns Herr Hoppe im vorigen Jahre die Anfänge der Gesellschaft lebendig dargestellt, und wir hoffen, daß er das künftig fortsetzen wird. Wenn ich meinerseits heute kurz Ihr Gehör in Anspruch nehmen möchte, dann kann und will ich nicht als Historiker sprechen, der ich nicht bin, sondern als Naturwissenschaftler, der am besten in der Gedankenwelt der Geologie zu Hause ist. Zwar ist auch die Geologie eine Geschichtswissenschaft, die nicht in die Gesetze der Natur mit dem Experiment eindringen kann, sondern aus gegebenen Urkunden feststellen will, wie das Erbe der Vergangenheit sich allmählich aufgebaut hat, an dem wir zehren und weiterbauen. Naturwissenschaftlich kann sie nur die Sprache ergründen, in der jene Urkunden, die Gesteine und Bodenformen der Erde, zu uns sprechen. Aber Urkunden in solcher Sprache erzählen eben von ganz anderen Dingen als die Urkunden der Menschen, und ich wüßte nicht, wo einsetzen, wenn ich auf geologischem Wege in der Vergangenheit der Gesellschaft forschen wollte. So lassen Sie mich denn an die Persönlichkeit eines Geologen anknüpfen, den Alexander von Humboldt als den ersten Geognosten seiner Zeit bezeichnet hat. Er hat fast von Anfang an unserer Gesellschaft angehört, und in seinem Todesjahr scheint der letzte Naturforscher vor mir der Gesellschaft beigetreten zu sein. Ich will von Leopold von Buch sprechen, und von ihm mögen Streiflichter auch auf die übrigen Naturforscher in unserm Kreise fallen.

Wir wollen ihn zunächst auf seinem Wege in unsere Gesellschaft begleiten: Im Jahre 1774 in dem noch heute adlig anmutenden Wohnsitze der Familie von Buch in Stolpe in der Uckermark geboren, wo von der Höhe über dem Oderbruch das ehrwürdige Gemäuer des "Grützpottes' in die Lande schaut, verbrachte L.v. Buch seine Kindheit im Schoße märkischen Landlebens, in der Hut der Familie und eines von ihr bestellten Erziehers. Es scheint eine humanistische, keine naturwissenschaftliche Erziehung gewesen zu sein; denn mit 15 Jahren wurde er nach Berlin geschickt, um seine Kenntnisse zu ergänzen durch Mathematik und durch das, was man damals unter der Naturwissenschaft verstand. Dem um den schlesischen Bergbau so hoch verdienten Minister v. Heinitz wird die Anregung zugeschrieben, die dazu führte, daß er ein Jahr später auf die Bergakademie nach Freiberg ging, um sich auf einen Posten in der Bergwerksverwaltung des Staates vorzubereiten.

Hier hatte fünf Jahre vorher Gottlob Abraham Werner, der Lehrer für Bergbaukunde und Oryktognosie, d.h. Mineralogie, zum ersten Male eine Vorlesung über Geognosie" gehalten und damit einen ganz neuen Akzent in die fachwissenschaftliche Vorbildung der Bergbeamten gebracht. Was bisher nur den Gegenstand mehr oder weniger geistvoller Konstruktion gebildet hatte und eben erst von Buffon zu einem poetisch eindrucksvollen, aber schwach unterbauten Gesamtbilde der "Epochen der Natur" vereinigt worden war, das trug hier der einstige Hüttenschreiber aus Schlesien, der auf saubere Buchführung auch in der Wissenschaft drang, als eine der Grundlagen für die Arbeit des Bergmannes mit der gebotenen Beschränkung auf das Beobachtbare vor. Werner hat den Ausdruck "Geologie" abgelehnt, weil er ihn an die unwissenschaftliche Astrologie erinnerte. Er sprach nur von Geognosie. Er grenzte die Schichten des Flözgebirges begrifflich scharf gegeneinander ab und lehrte, aus ihrer Lagerung die Geschichte ihres Entstehens abzuleiten. Daß diese Schichten aus dem Wasser abgelagert wären, lag auf der Hand. Daneben lehnte er andere Kräfte für die Erdgeschichte ab. Nur dem Granit gab er eine Sonderstellung als dem Urgestein, der Unterlage alles Geschichteten. Er leugnete nicht das Vorkommen vulkanischer Schmelzflüsse, erklärte sie aber als die Folge örtlicher Brände von Steinkohlenflözen. Den Basalt, den er in seine Schichtenfolge einordnen mußte, sah er als eine Bildung aus dem Wasser an.

Die junge Wissenschaft und die nüchterne Bestimmtheit der Wernerschen Gedankenführung packten L. v. Buch so, daß sie für ihn lebensbestimmend wurden. Zunächst freilich ging er nach dreijährigem Studium bei Werner auf die Universitäten Halle und Göttingen, um die juristische Vorbildung für den Beruf des Verwaltungsbeamten zu erhalten, und 1796 wurde er, 22jährig, als Referendar beim schlesischen Oberbergamt ohne Prüfung eingestellt.

Schon damals war er mehr Geognost als Bergmann, und der Minister beauftragte ihn alsbald mit geognostischen Kartierungsarbeiten in Schlesien. Aber der begüterte junge Freiherr, Erbherr auf Gelmersdorf und Schöneberg, wollte sich seine Aufgaben selbst suchen und verließ den Staatsdienst. Wir finden ihn 1797 in Wien bei der Vorbereitung zu einer Reise nach Italien. Hier traf er mit seinem älteren Freiberger Studiengenossen A.v. Humboldt zusammen, und der diplomatisch gewandte Humboldt hat uns eine humorvolle Schilderung von dem damaligen Sonderlingswesen Buchs gegeben, wie er ihn bei wichtigen Persönlichkeiten einzufahren gesucht habe, aber mit schlechtem Erfolge; denn gewöhnlich setze er sich alsbald die Brille auf und betrachte die Sprünge eines glasierten Ofens, die ihn besonders interessierten, oder er schleiche wie ein Igel an den Wänden umher und betrachte die Simse. "Übrigens", so schließt er, "ist er unendlich liebenswürdig und interessant, ein Schatz von Kenntnissen, mit denen er mir sehr nützlich wird.

Die Reise nach Italien war wegen der Kriegsereignisse mit großen Hindernissen verbunden; aber 1799 gelangte er doch nach Neapel, zur selben Zeit, als Humboldt nach Südamerika aufbrach. Über Genua und die Provence kehrte er nach Berlin zurück, untersuchte auf den Wunsch des Ministers v. Heinitz die Bodenschätze des Ländchens Neuenburg in der Schweiz und arbeitete eine geognostische Karte von Schlesien aus. Als Humboldt 1805 aus Amerika heimgekehrt war, besuchte Buch mit diesem und Gay-Lussac zusammen Rom, bestieg den Vesuv und fühlte wie Humboldt, daß ihnen die neptunistische Lehre Werners nicht mehr genügte. Der Anatom Blumenbach, den die drei dann in Göttingen besuchten, erzählt, er habe drei Männer beherbergt, von denen "der eine (Humboldt) am weitesten, der Andre (Gay-Lussac) am höchsten (im Luftschiff), der dritte (Buch) am tiefsten gewesen war. Welchen Ruf Buch damals schon genoß, zeigte seine Berufung in die Berliner Akademie 1806, in seinem 32. Lebensjahre. Im darauffolgenden Jahre ging er auf eine zweijährige Reise nach Skandinavien und Lappland, deren Ergebnisse er dann in Berlin auswertete und sich dabei um ein weiteres Stück, wenn auch zögernd, von Werner löste, dem er sein Leben lang hohe Verehrung bewahrte.

In diese Zeit fällt seine Aufnahme in die "Gesetzlose Gesellschaft". Unter dem Zuwuchs des ersten Jahres zeigt ihn, wenn wir von dem "alten Heim", dem berühmten Arzt, absehen, unsere Liste als einzigen Naturforscher neben dem 10 Jahre älteren Physiker Paul Erman. Dieser stammte aus der Berliner französischen Kolonie, war Lehrer der Naturkunde am französischen Gymnasium, dann -an der Allgemeinen Kriegsschule, gewesen und im gleichen Jahre mit v. Buch in die Akademie aufgenommen worden. Im Jahre 1810 erhielt er die Professur für Physik an der neuen Berliner Universität.

Unter unsern Gründern waren zwei Naturforscher gewesen, Ideler und Willdenow. Freilich, der erste, der Astronom Christian Ideler, war mehr ein Mann der Rechnung als der Beobachtung. In einem Dorfe bei Perleberg 1766 geboren, war er 1794 als Astronom der Akademie der Wissenschaften nach Berlin berufen worden, um den dieser satzungsmäßig anvertrauten Kalender im Preußischen Staate zu betreuen, in dem erst 1778 durch Friedrich den Großen die letzte kleine Abweichung vom Gregorianischen Kalender gefallen war. IdelerIdelers Verdienste liegen denn auch nicht auf dem Gebiete der Astronomie, sondern der Chronologie. Sein Handbuch dieser Wissenschaft ist noch heute wichtig, ebenso wie seine Arbeit über die Zeitrechnung der Chinesen. Er war später Prinzenlehrer, dann Studiendirektor des Kadettenkorps, gab ein Handbuch der französischen und eines der englischen Sprache und Literatur heraus und starb 1846, nachdem er seit 1821 Professor an der Universität gewesen war.

Reiner Naturforscher war unter unsern Begründern nur Karl Willdenow. Als Sohn eines Berliner Apothekers ebenfalls 1766 geboren, war er durch seinen Onkel Gleditsch, Oberaufseher im Botanischen Garten, früh in die Beziehung zu diesem Garten gekommen, dessen Direktor er 1806 wurde. Seit 1789 als Arzt in Berlin niedergelassen, war er bekannt geworden durch seine Arbeiten über die Berliner Flora und hatte Linne's Species Plantarum seit 1798 in stark erweitertem Umfange herausgegeben. Er starb schon 1813.

Daß v. Buch zu diesen beiden Männern in nähere Berührung kam, ist nicht bezeugt. Wissenschaftlich näher stand ihm der aus Leipzig gebürtige Christian Samuel Weiß, der 1811, mit 31 Jahren, der Gesellschaft beitrat. Sein Standbild schmückt zusammen mit dem L. v. Buchs die Front des Museums für Naturkunde, dessen mineralogische Sammlung er als Professor der Mineralogie verwaltet hat. Fachlich war er mit v. Buch nahe verwandt, hielt er doch Vorlesungen über Geognosie und kam auch aus Werners Schule. Aber er hat wesentlich auf dem Gebiet der Kristallkunde gearbeitet, der sich Buch nur einmal in seiner Studienzeit zugewanndt hatte. Hier hat Weiß große Verdienste um die systematische Ordnung der reichen Fülle der äußeren Kristallformen. Die Bedeutung, die die Kristallkunde für das innere Gefüge der Stoffe und für die Erforschung der Atome haben sollte, gehört erst einer viel späteren Zeit an.

Im gleichen Jahre wie Weiß wurden noch mehrere der neu nach Berlin berufenen Professoren in die Gesellschaft eingeführt, darunter Karl Solger, der Bruder meines Urgroßvaters. Auch zwei Naturforscher waren darunter: Illiger und Lichtenstein.

Johann Illiger, 1775 in Braunschweig geboren, meist dort studierend, Sammlungen von Insekten ordnend, war der Typus eines Sammlungskustos, schwer gehemmt durch Kränklichkeit. Auf Veranlassung des Entomologen Fabricius hatte ihm die Universität Kiel, an der er nicht studiert hat, die Doktorwürde verliehen. Die Berufung nach Berlin verdankte er offenbar der Vermittlung des Grafen Hofmannsegg, dessen Sammlungen er zusammen mit Lichtenstein bearbeitet hatte. 1811 heiratete er die Tochter seines Braunschweiger Lehrers Hellwig, seine treue Pflegerin seit seinen Studienjahren, starb aber schon 1813.

Ein ganz anderes Leben hatte Martin Lichtenstein hinter sich. In Hamburg 1780 geboren, Sohn eines späteren Helmstedter Professors, war er schon als junger Mann durch den Grafen Hofmannsegg auf die Naturwissenschaften hingewiesen worden, wurde 1802 zum Dr. med. promoviert und war dann als Hausarzt und Erzieher der Kinder des Generals Janssen, des holländischen Gouverneurs der Kapkolonie, nach Kapstadt gegangen, hatte sich dort in der Medizinalverwaltung und auch in politischer Verwaltungstätigkeit im Betschuanalande bewährt, war nach der Eroberung der Kolonie durch die Engländer nach Deutschland zurückgekehrt und hatte mit Illiger zusammen die entomologischen Sammlungen des Grafen Hofmannsegg bearbeitet, doch blieb sein Hauptgebiet die Vogelkunde. Nach Berlin kam er 1810 als Professor der Zoologie und übernahm nach Illigers Tode die zoologische Sammlung, nach Willdenows Tode kurze Zeit die Leitung des Botanischen Gartens. Am bekanntesten dürfte er geworden sein durch die erste Einrichtung des Zoologischen Gartens 1841 bis 1844. Die dorthin führende Allee trug denn auch seinen Namen bis zur jetzigen Umgestaltung des Tiergartens.

Ich kehre zu L. v. Buch zurück. Über die große skandinavische Reise erschien 1810 ein ausführliches Werk, das zeigt, daß er nicht nur geologisch beobachtete, sondern sich auch in das Leben der Lofotener Fischer liebevoll vertieft und das Leben der Lappen eingehend studiert hatte. Der König ernannte ihn 1812 zum Kammerherrn; aber er soll als solcher nur einmal in Tätigkeit getreten sein beim Begräbnis der Witwe des Prinzen Ferdinand. Er war offenbar nicht mehr der weltabgewandte Sonderling der früheren Jahre, wohl aber noch der treue Beobachter aus der Wernerschen Schule. Die folgenden Jahre waren ausgefüllt mit wissenschaftlichen Einzelarbeiten und Reisen des unermüdlichen Fußwanderers in Deutschland und dem Alpengebiet, bis er 1815 zu seiner zweiten großen Reise aufbrach nach den Kanarischen Inseln, woran sich ein Besuch Schottlands und der Hebriden schloß. Er kehrte 1817 zurück, nun ganz losgelöst von Werners Neptunismus, vielmehr das Haupt der gegnerischen Vulkanisten geworden. Vulkanischen Erhebungskräften schrieb er nunmehr nicht nur die Schaffung der Vulkanberge zu, sondern Oberhaupt maßgebenden Einfluß auf alle Gebirgsbildung. Heute sehen wir im Vulkanismus mehr die Folge der Gebirgsbildung als ihre Ursache. Zum guten Teil gegen Buch richtet sich Goethe in der Klassischen Walpurgisnacht, wo er den vulkanistischen Anaxagoras dem neptunistischen Thales gegenüberstellt und gegen die Betonung der scheinbar zusammenhangslos eingreifenden vulkanischen Kräfte einwendet: "Was wird dadurch nun weiter fortgesetzt' - "Mit solchem Streit verliert man Zeit und Weile und führt doch nur geduldig Volk am Seile."

Goethe legt sein eignes Bekenntnis dem Thales in den Mund:

Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen
Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.
Sie bildet regelnd jegliche Gestalt,
Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.

Auch davon sind wir zurückgekommen und sehen heute Gebirgsbildungen als gewaltige Revolutionen in der Erdgeschichte an, und daß auch Goethe sich nicht endgültig entschied, zeigt der unentschiedene Streit der Meinungen beim Bergfest in Wilhelm Meisters Wanderjahren. In die gleiche Richtung weist eine Bemerkung zu Eckermann im Jahre 1829: Von der früheren Organisation der Erde hat man gar keinen Begriff, und ich kann es Herrn v. Buch nicht verdenken, wenn er die Menschen endoctriniert, um seine Hypothesen zu verbreiten. Er weiß nichts; aber niemand weiß mehr, und da ist es denn am Ende einerlei, was gelehrt wird, wenn es nur einigermaßen einen Anschein von Vernunft hat."

Die entschieden dogmatische Haltung, die v. Buch später einnahm, scheint im Widerspruch zu stehen zu der reinen Empirie seiner Forscherlaufbahn. Aber eben auf diesem Wege war ihm der Übergang zum Vulkanismus gar nicht wie eine Hypothese erschienen, sondern als das zwangsweise Ergebnis aus dem, was er gesehen hatte. Ebenso wie Goethe war er kein eigentlich systematischer Denker, sondern erlebte seine Theorien mehr wie etwas, das auf dem Boden der Beobachtung ungewollt gewachsen war. So hatte ja auch Goethe einst Schiller zu entwickeln gesucht, daß seine Metamorphose der Pflanzen einfache Beobachtung wäre, und war unangenehm berührt, als jener ihm "gut kantisch" erwiderte, das wäre keine Beobachtung, sondern eine Idee. Wer auf solchem Wege zu seinen Ansichten kommt, gibt schwer die Berechtigung von Einwänden zu. So hat es auch Goethe an starrem Dogmatismus gegenüber Newton in seiner Farbenlehre nicht fehlen lassen.

Als v. Buch 1817 von den Hebriden zurückkam, waren in die Gesetzlose" inzwischen zwei neue Naturforscher eingeführt worden, Rudolphi 1812 und Link 1816. Zelter, der ja auch unserm Kreise angehörte, hat in einem Brief an Goethe einmal über das Trifolium v. Buch, Rudolphi, Link im Montagsklub gescherzt. Von dessen erhitzten Debatten spricht er im Anschluß an Links Buch "Die Urwelt und das Altertum, erläutert durch die Naturkunde".

Karl Rudolphi war als Sohn eines Landgeistlichen in dem damals schwedischen Neuvorpommern 1771 geboren, hatte seine Jugend vielfach in Stockholm zugebracht, war Professor in Greifswald gewesen und von dort 1810 als Professor der Anatomie nach Berlin berufen worden. Von seiner Arbeitskraft zeugt das erste Berliner Semester: Er hielt wöchentlich 18 Stunden Vorlesungen, und zwar über Encyklopädie und Materia medica, über Anatomie des Menschen, über vergleichende Anatomie und über Physiologie.

Heinrich Link war 1767 in Hildesheim geboren, 1789 in Göttingen zum Dr. med. promoviert worden mit einer Arbeit über die Flora von Göttingen (!) und hatte auf Grund einer zweijährigen Reise mit dem Grafen Hofmannsegg ein Buch über die Flora Portugals veröffentlicht. Er wurde 1792 Professor der Naturgeschichte, Chemie und Botanik in Rostock und ging 1811 mit ähnlichem Lehrgebiet nach Breslau. Nach Berlin wurde er 1815 berufen und 1816 in unsere Gesellschaft eingeführt. Bei der Berufung hierher hatte er die Bedingung gestellt, ebenso wie in Breslau der medizinischen Fakultät zugerechnet zu werden, obwohl er den Lehrstuhl der Botanik in der philosophischen Fakultät übernahm. Ihm wurde auch die Leitung des Botanischen Garten übertragen, der nach Willdenows Tode drei Jahre lang von Lichtenstein verwaltet worden war. Die Interessen Links erstreckten sich eben über einen sehr großen Kreis innerhalb der Naturwissenschaften. Er hatte 1807 eine Göttinger Preisschrift über die Grundlagen der Anatomie und Physiologie der Pflanzen verfaßt, 1808 eine Petersburger Preisschrift über die Natur und die Eigenschaften des Lichts, und sein Buch über die Urwelt wurde schon erwähnt. Sein letztes Werk (1850) war eine "Philosophie der gesunden Vernunft" in etwa kantischer Richtung. Er hatte fast alle Länder Europas bereist und starb 1851 über den Plänen zu einer Reise nach Ceylon.

Die Berührungspunkte v. Buchs zu diesen beiden Männern lagen in den Fragen, die ihn in den letzten Jahrzehnten seines Lebens überwiegend beschäftigten, in dem Studium der verweltlichen Tierwelt. Die Leitfossilien, deren Bedeutung für die Altersbestimmung der Gesteinsschichten er früh erkannt hatte, veranlaßten ihn, sich mit der ihm eigenen Gründlichkeit in die Anatomie der Ammoniten, der Seelilien und der Armfüßer zu vertiefen, und Wernersche Sorgfalt ließ ihn hier Bleibendes leisten. Aber doch blieb sein Hauptaugenmerk immer auf die Gliederung der geologischen Formationen gerichtet, und seine Arbeiten über die Jura- und Kreideformation legen davon Zeugnis ab. Die Fülle und Zuverlässigkeit des Tatsachenstoffes, den er bekannt machte, ordnete und in Karten darstellte, ließ ihn zum anerkannten Führer der Geologie seiner Zeit werden. Eifrig verfolgte er alle Arbeiten auf seinem Fachgebiet und nahm an fast allen Geologen- und Naturforscherversammlungen teil. Noch im Jahre vor seinem Tode sehen wir ihn 78jährig auf der Tagung der deutschen Geologen in Koblenz, der schweizerischen Naturforscher in Sitten, der französischen in Metz und auf der Versammlung der deutschen Naturforscher und Ärzte in Wiesbaden, und dann bereist er noch im gleichen Jahre mit dem jungen Geologen Daubrée das französische Vulkangebiet. Wenige Monate später starb er nach ganz kurzem Krankenlager am 4. März 1853 zu Berlin. Am Abend, ehe er erkrankte, hatte ihn der Nachfolger des verstorbenen Link, der Botaniker Alexander Braun, aus einer Gesellschaft heimbegleitet. Es mag die "Gesetzlose gewesen sein, deren Mitglied Braun kurz vorher geworden war. Schon lange vor Link war der Dritte des Trifoliums, Rudolphi, 1832 gestorben, und es blieben nach Buchs Tode in unserer Gesellschaft außer Lichtenstein nur noch vier der inzwischen neu eingetretenen fünf Naturforscher zurück: Der Geograph Ritter war 1822 eingeführt worden, der Astronom Encke 1826, der Botaniker Braun 1851 und als Letzter der Zoologe Ehrenberg. Der 1833 aufgenommene Geologe Hoffmann war schon 1836 gestorben. Ihrer aller Namen haben in der Wissenschaft einen guten Klang, und ich darf sie wohl noch kurz kennzeichnen.

Karl Ritter, in Quedlinburg 1779 geboren, war unter der besonderen Obhut GuthsMuths' in Schnepfenthal erzogen und auf Geographie wie auf Pädagogik hingewiesen worden. Als Erzieher der Hollwegschen Söhne in Frankfurt a. M. bildete er sein pädagogisches Talent weiter und begann dem Erdkundeunterricht ein neues Gesicht zu geben, die Erde als Schauplatz der menschlichen Tätigkeit sehen zu lehren. Seine "Allgemeine Erdkunde" wurde richtungsweisend auf lange Zeit und führte 1820 zu seiner Berufung nach Berlin. Hier gründete er mit Gleichgesinnten zusammen 1828 die Gesellschaft für Erdkunde.

Johann Encke, 1791 als Sohn eines Hamburger Predigers geboren, war durch Gauß während seines Studiums in Göttingen der Astronomie zugeführt worden und hatte sich durch Berechnung der Bahnen der ersten kleinen Planeten schon bekannt gemacht, als er 1813 in die hanseatische Legion eintrat. Wir finden ihn 1815 als Sekondeleutnant in der preußischen Armee. Doch nach dem Friedensschlusse kehrte er zur Astronomie zurück, übernahm später die Sternwarte auf dem Seeberge bei Gotha und berechnete u. a. die Bahn des nach ihm benannten Kometen. Daraufhin wurde er 1825 nach Berlin berufen als Astronom der Akademie und richtete bis 1835 die damals neue Sternwarte ein an dem später nach ihm benannten Enckeplatz.

Friedrich Hoffmann, 1797 in der Nähe von Wehlau in Ostpreußen als Sohn eines preußischen Beamten geboren, kämpfte 16jährig im Freiheitskriege mit, studierte in Göttingen und Berlin und begann 1820 geologische Untersuchungen im Harz und dessen Vorland, die die Aufmerksamkeit Leopold von Buchs erregten. Auf dessen Veranlassung habilitierte er sich in Halle, wurde dort außerordentlicher Professor und bereiste auf Kosten der preußischen Regierung 1829 bis 1832 Italien, wo er Zeuge der Entstehung der kurzlebigen vulkanischen Insel Ferdinandea wurde (SW von Sizilien). Heimgekehrt hielt er geognostische Vorlesungen als außerordentlicher Professor in Berlin und schien eine glänzende Laufbahn vor sich zu haben, als er 1836 starb.

Alexander Braun war 1805 in Regensburg geboren, hatte in Heidelberg und München Botanik studiert, war ein Jahr nach Paris gegangen, wo der Jardin des Plantes das Muster der Botanischen Gärten war, dann wurde er 28jährig Professor der Botanik am Polytechnikum in Karlsruhe, 1846 Professor der Botanik und Direktor des Botanischen Gartens in Freiburg i. B., ging 1850 in gleicher Eigenschaft nach Giessen und 1851 nach Berlin, wo er die Pflanzen des Botanischen Gartens nach seinem neuen System aufstellte, dem letzten großen Pflanzensystem vor dem Eindringen des Entwicklungsgedankens.

Christian Ehrenberg war 1795 zu Delitzsch geboren, hatte zunächst Theologie studiert, dann Naturwissenschaften, zuletzt in Berlin. Er nahm 1820 auf Kosten der Akademie an einer 6jährigen Reise nach Ägypten und dessen Nachbarländern teil und wurde 1826 außerordentlicher Professor für Medizin in Berlin, 1827 Mitglied der Akademie und 1842 deren ständiger Sekretär. Er begleitete 1829 Humboldt nach Rußland und Asien und wurde 1839 in Berlin ordentlicher Professor. Am bekanntesten ist er geworden durch seine mikroskopischen Studien über Infusorien.

Seit seinem Eintritt in unsere Gesellschaft habe ich unter den Neuhinzugekommenen keinen Namen mehr gefunden, der mir als der eines Naturforschers bekannt oder als solcher in den Listen bezeichnet wäre. Nach seinem Tode 1876 scheint A. Braun der einzige Naturforscher in unseren Reihen gewesen zu sein; denn Lichtenstein war schon 1857 gestorben, Ritter 1859, Encke 1865. Auch Braun starb 1877, und seitdem gehörte, soviel ich sehe, kein Naturforscher der Gesellschaft an, wenn ich von dem nahe verwandten Stande der Ärzte absehe.

Es liegt nahe, nach dem Grunde dieses Verschwindens zu fragen. Liegt er in den Naturforschern oder in der Gesellschaft Immermann gibt in seinem "Merlin" dem Heiligen Gral den Leitspruch:

Ich habe mich auf eignes Recht gegründet.
Vergebens sucht ihr mich.
Den Wanderer, der meine Pforte findet,
Den suchte ich.

In gewissem Sinne gilt das von jeder Gesellschaft, die ihren Zusammenhalt nicht auf Bestimmungen, sondern auf den Zusammenklang der Geister gründen will. Fanden die Mitglieder unserer Gesellschaft später niemanden mehr, der dem entsprach, oder lernten sie sie nicht kennen? Die Ergebnisse der Naturforschung haben doch gerade seither eine so viel größere Bedeutung für unser ganzes Leben gewonnen, daß man meinen sollte, das Gespräch mit ihren Vertretern hätte immer anziehender geworden sein müssen. Aber freilich, nicht um wissenschaftlichen Gespräches willen wählte die Gesellschaft ihre Mitglieder aus. Die Verbindungen zwischen dem gebildeten Laien und dem wissenschaftlichen Forscher waren vor 100, Jahren viel persönlicherer, menschlicher Art. Später gewann der Laie seine Eindrücke von der Naturwissenschaft mehr und mehr aus Büchern und nicht aus dem Verkehr mit Forschern. Aber auch in der Wissenschaft brachte die wachsende Ausdehnung der Forschung eine Entfremdung der Zweige untereinander und dadurch auch gegenüber der Allgemeinheit. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts war in Berlin eine Gesellschaft naturforschender Freunde gegründet worden; aber zu Anfang des 20. war sie wesentlich eine Gesellschaft von Zoologen. Die Naturforscher, die sich in unserer Gesellschaft in deren ersten 5 Jahrzehnten zusammenfanden, waren sehr verschiedene Menschen, von den Astronomen Ideler und Encke, dem Physiker Erman, dem stillen Sammlungshüter Illiger, den Systematikern Willdenow, Weiß und Braun, den weitgereisten v. Buch, Lichtenstein, Link und Ehrenberg, denen man wohl auch den jung verstorbenen Hoffmann zuzählen darf, bis zu Ritter, dem geographischen Pädagogen. Landsmännische Verbindungen hatten sie nicht zusammengeführt; denn die ersten 4 waren zwar Berliner und Märker, dann aber kamen sie aus weiterer Ferne: Lichtenstein und Encke waren Hamburger, Link Hildesheimer, Illiger Braunschweiger. Ritter stammte aus Quedlinburg, Weiß und Ehrenberg aus Sachsen, Rudolphi war Vorpommer, Hoffmann Ostpreuße, und Braun war in Regensburg geboren. Die meisten Professoren traten kurz nach ihrer Herberufung ein. Nur Ehrenberg macht eine Ausnahme; denn er war vorher schon über 30 Jahre in Berlin gewesen. Auch im Alter zur Zeit des Eintrittes nimmt er eine Sonderstellung ein. Er war damals 58 Jahre alt, die anderen waren mit 31 bis 46 Jahren eingetreten. Es waren doch wohl Berührungen in den damals in regerem, auch philosophischem, Austausch stehenden Fächern, was die Aufmerksamkeit auf diejenigen lenkte, die man zum Eintritt aufforderte. Aber als Herr Mengel mit Herrn Hoppe zusammen auch mich hier einführte, war es nicht die Geologie, die mich seinerzeit mit ihm während seiner Landratszeit in Freienwalde zusammengeführt hatte, sondern die Heimatkunde, das Streben nach dem Wissen um das raumgebundene Erbe, das wir gemeinsam zu verwalten haben, und daß es dieser gelungen ist, die ein Jahrhundert alte Kluft zwischen der Gesellschaft und der Naturwissenschaft zu überbrücken, bestärkt mich in der Zuversicht, daß gerade die Heimatkunde in Zukunft berufen sein dürfte, den geistigen Verband zwischen den Gliedern unseres Volkes zu verstärken. In dieser Hoffnung habe ich ihr zu dienen gesucht.


©Friedrich Solger