wappen0.gif Die Gesetzlose Gesellschaft zu Berlin
Gegründet in Berlin am 4. November 1809

Baustile der Baukunst


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Vortrag aus Anlaß der Wiederkehr des 191. Gründungstages der
Gesetzlosen Gesellschaft zu Berlin, 3. November 2000

von Rolf Eggenweiler

Sehr geehrter Zwingherr,
verehrte gesetzlose Gesellschaft

unser Zwingherr hat mich gebeten das diesjährige Referat zu halten. Dieser Bitte komme ich gerne nach und möchte über die Baustile der Baukunst sprechen. Es wäre sicherlich vermessen, in aller Ausführlichkeit auf die Baustilepochen der letzten 5000 Jahre einzugehen. Ich werde daher die Stilrichtungen aufzeigen und an einigen Beispielen darstellen, die mich in meiner Tätigkeit als Architekt beeinflusst haben und noch beeinflussen. Ein Architekt soll nicht nur sprechen, er soll auch die ausgewählten Bauwerke zeigen. Daher habe ich diese in der Ihnen vorliegenden Mappe zusammengestellt.

Die Geschichte des Bauens geht zurück bis zur Urgesellschaft, wobei die urgesellschaftlichen Stämme ihre Gebäudekonstruktionen und das Aussehen ihrer Hütten nach dem vorhandenen Material, dem Klima und der Lebensweise richteten. An dem Kultplatz Stonehenge, der aus drei konzentrischen Kreisen aufgerichteter, zum Teil riesiger Steinblöcke besteht und einen Durchmesser von 30m hat, lässt sich bereits der Wille zur künstlerischen Gestaltung erkennen. Somit erscheint mir hier der Begriff - Baukunst - im Sinne von gebauter Kunst berechtigt. Der Steinkreis selbst ist astronomisch ausgerichtet, sodass der Eingang exakt den Punkt markiert, über den am Tage des Sommeranfanges die Sonne aufgeht (s. Abb.1-4). Als eines der sieben Weltwunder, als - Himmelsleiter - als Häuser der Ewigkeit - rühmten die Schriftsteller der Antike die drei Pyramiden von Gizeh. Die Gewaltigste aller Pyramiden ist die mit 136 (146) m emporragende, mit einer Grundfläche von 230 m x 230 m große Cheopspyramide (s.Abb.5) (2551-2528 v. Chr.). Bedenkt man, dass 2,3 Millionen Steinblöcke mit jeweils 2,5 Tonnen Gewicht verarbeitet wurden, kann man tatsächlich von einem Bauwunder sprechen, vor allem dann, wenn erst nach 4000 Jahren mit dem Straßburger Münster wieder eine solche Gebäudehöhe erreicht werden konnte. Die ägyptische Baukunst fasziniert nicht nur durch die drei Riesenpyramiden von GIZEH, sondern auch durch die Tempelanlagen. So der große Amuntempel von Karnak mit einer Länge von 360 m, einer Breite von 118 m und dem Säulensaal mit 134 Papyrussäulen, die die Decken der erhöhten Mittelschiffe (24 m hoch) tragen, (s. Abb. 6+7), der Felstempel von Abu Simbel (s. Abb. 8), und der Horustempel zu Edfu eines der glänzendsten Werke ägyptischer Baukunst (s. Abb.9-10). Merkmal der ägyptischen Baukunst ist zunächst die Solidität der ganz aus Stein errichteten Konstruktion. Bei allen Tempelanlagen der Ägypter tritt die Konstruktion der flachen Steinbalkendecken hervor und prägt dadurch auch die angrenzenden niedrig gehaltenen Bauteile. Der unerschöpfliche Reichtum an hervorragenden Steinarten wie Granit, Basalt, Sandstein, Marmor führten die Ägypter zu dieser Bauweise. Die Technik in der Behandlung des schwierigsten Materials Stein, ist jetzt noch unerreicht. War einmal der Steinbau für die Bedeckung der Räume geboten, so folgte daraus die Anordnung vieler stämmigen Säulen in geringen Abständen, die den mächtigen Deckenbalken als Stützen dienten. Aus diesem System ergab sich das schräge Ansteigen aller Außenmauern, die ein in sich zusammenhängendes Aussteifungssystem als Gegendruck gegen die wuchtigen Steindecken bildeten. Aus dem Mittelstromland (Mesopotamien- südl. Irak), kommen ebenfalls die ältesten Zeugen der Baukunst. Festungsartige Monumentalbauten zeugen von ihrer wechselvollen Geschichte und von der starken unbeschränkten Macht kriegerischer Könige. Babylon - die Gottespforte, wurde im Verlauf seiner Geschichte mehrfach zerstört, sodass von den zahlreichen Tempelanlagen neben dem Ischtartor, (s. Anlage 11-13), dessen Eingangstor wir in Berlin bewundern können, leider nur noch der Ninmachtempel) bemerkenswert ist. Erstaunlich für Architekten und Ingenieure ist die konstruktive Pfiffigkeit der Hethiter, (ein indogermanisches Volk), die im Vergleich zu den gebräuchlichen Sturzbalkenausbildungen den Sturzbalken mittig getrennt und übermauert haben um somit die Dimensionen der Sturzsteine reduzieren zu können. (s.Abb.12) Etwas später erblühte die früheste europäische Hochkultur auf den Inseln zwischen Griechenland und Kleinasien im Ägäischen Meer, vor allem auf Kreta. Die kretisch-mykenische Kultur erreichte bereits um 1500 v. Chr. einen Höhepunkt, der auf eine äußerst verfeinerte Lebenshaltung schließen lässt. Prächtige Paläste wie der Palast des Minos (s. Abb. 14-15) in Knossos auf der Insel Kreta enthielten unzählige luxuriös ausgestattete Innenhöfe und Zimmer, mit Luftheizung, Wasserleitungen, Kanalisationen, Badewannen und Schiebetüren . Beeindruckend ist auch die Palastanlage von Mykene mit dem monumentalen Löwentor aus 3 gewaltigen Steinblöcken mit einer dreieckigen Steinskulptur, in der Art eines Wappens. (s. Abb. 16). Auch hier ist das statische Lastdreieck, in Form der Skulptur, gut erkennbar. Dieser Burganlage vorgelagert befindet sich das Schatzhaus des Atreus, (s.Abb.17) mit dem bienenkorbförmig überwölbten Raum, der einen Durchmesser von 14 m aufweist. Die Gewölbeform wird von 33 nach innen überkragenden Steinschichten mit waagerecht verlaufenden Fugen gebildet um auch hier den Lastabtragungswinkel einzuhalten. Die griechischen Tempel standen meist in einem mit Mauern umgebenen Kultbezirk, der durch eine Torhalle mit der Außenwelt verbunden war. Allgemein bekannt ist die Akropolis von Athen mit den (s. Abb. 18-20) Tempeln Parthenon (438 v. Chr.)(Abb.21), Propyläen (437-432 v. Chr.) und Erechtheion(Abb.22) (421-405 v. Chr.). Diese gelten als die klassischen Beispiele aus der Hochblüte der dorischen, ionischen und korinthischen Ordnung. (s. Abb. 23). Unbedingt zu erwähnen ist sicherlich die Felsstadt Petra,(Abb.25) die zwischen dem 2. Jh. vor und 2. Jh. n. Chr. ihre Blütezeit erlebte und damals mind. 30.000 Einwohner zählte. Petra hatte schon eine hochentwickelte Infrastruktur, die man heute in vielen Städten Europas nicht antrifft. Die bedeutendsten Überreste sind die, in den rosaroten Sandstein geschlagene Höhlen, Tempel und Grabmale. Beispiel antiker Baukunst ist das Schatzhaus des Pharao mit der reichverzierten, 43 m hohen und zweigeschossigen Fassade (s. Abb. 25). Ein weiteres Wunderwerk, jedoch das der Römer, ist der Pont du Gard (s. Abb. 26-27).

Als die Römer 121 v. Chr. das heutige Nîmes eroberten, entwickelte sie sich bald zu den glanzvollsten Städten des Imperiums. Die Bewohner der Stadt benötigten tagtäglich für ihren Lebensstil einen Bedarf an Unmengen von Wasser, der nicht mehr gedeckt werden konnte. So entschlossen sich die Römer zwei Quellen zu erschließen, die jedoch 50 km entfernt lagen. Von den Bergen kommend wurde ein gemauertes Wasserleitungssystem mit 17 cm Gefälle pro Kilometer entwickelt. Um auf ein Pumpensystem im Bereich tiefer Geländeeinschnitte verzichten zu können, wurde die Wasserbrücke Pont du Gard errichtet. Dieses Monument antiker Ingenieurkunst, diente neben dem eigentlichen Zweck natürlich der Demonstration römischer Macht und Größe.

Der Pont du Gard zählt zu den beeindruckendsten Aquädukten der Antike. Oben verläuft der überdachte Wasserkanal, die unterste Ebene diente als Fußgängerbrücke und wurde im Mittelalter von Pilgern genutzt, die auf dem Wege nach Santiago de Compostela den Fluss Gard überqueren mussten (Gesamthöhe = 29 m, Gesamtbreite = 275 m). Während die griechische Baukunst, bedingt durch die Säulen als Konstruktionselement, im wesentlichen eine Gliederbauweise war, in der senkrechte Linien waagerechten gegenübergestellt wurden, betonten die römischen Baumeister wieder die Wand, verwendeten verstärkt Bögen und waren die Meister in der Gestaltung der Innenräume. Zwischen dem 3. und 1. Jh. v. Chr. entwickelte sich der Baustoff Beton, damals eine harte, wasserunlösliche Mischung aus einer Kalklösung, vulkanischem Sand und Schotter. Beim Bau von Bädern und Palästen, Villen und vor allem bei dem Pantheon, schöpften die Römer daher die technischen Möglichkeiten für überkuppelte Gebäude aus und entwickelten dabei ihre Gewölbetechnik. Durch die Verwendung von Beton, vor allem für Gewölbe, wurden die Baumeister immer risikofreudiger, denn es verschaffte ihnen die Möglichkeit einer neuen Baukunst, bei der das Bauwerk zu einer Art modellierter Hüllewerden konnte. Nachdem sie die Hässlichkeit der Betonstruktur sahen, verkleideten sie die Wände mit Putz, Marmor oder Mosaiken. Es können hier nur einige bedeutende Baukunstwerke aufgeführt werden, so das Kolosseum (75-80 n. Chr.) (s. Abb. 28), das Forum Romanum (54 v. Chr). (s. Abb. 29+30), das Pantheon (118-128 n. Chr.) mit der Besonderheit des ringsumlaufenden Gebälkes, das die Wand im - Goldenen Schnitt - aufteilt (s. Abb. 31-33), die Engelsburg (Abb,34) (Hadrian Mausoleum) (135 n. Chr.) und die Ruine des Tempels der Venus und Roma (s. Abb. 35). Beispielhaft ist ebenso der äußerst großzügige Grundriss der Caracalle - Thermen (Abb.36) Aus der altchristlich - byzantinischen Zeit ist die Kirchenanlage Haiga-Sophia (532-537) (s. Abb. 37-40) zu erwähnen, die man nach der Fertigstellung als - das großartigste Gotteshaus - der Welt angesehen hatte. Bei dem Betrachten dieses Gotteshauses mit seiner 56 m hohen und mit 33 m Durchmesser, zentralen Kuppel, staunt man ehrfurchtsvoll über die ausgefeilte Kuppelkonstruktion.

Während die Römer die Außenwände als Widerlager für ihre Kuppeln nutzten, erfolgte hier die Lastabtragung über die umgebenden Halbkuppeln. Aus der romanischen Stilepoche in Deutschland, die durch Masse geprägt wird, ist natürlich an erster Stelle die Pfalzkapelle in Aachen bzw. der Kaiserdom (790-800) zu erwähnen. (s.Abb.41), auffallend ist das mittlere Achteck, das von einem Sechszehneck mit Emporen umschlossen wird. Erkennbar verwendeten der Baumeister Formen der römischen und byzantinischen Kunst und macht daher die Kapelle zu einem ?Bauwerk zwischen den Zeiten und zwischen den Völkern ?. Ebenso beispielhaft ist der Dom zu Bamberg (s. Abb. 42) , der Dom zu Speyer (1030-1106) (Abb. 44) sowie die Klosterkirche Maria Laach (s. Abb. 43). Erstaunlich ist, dass die Baumeister der Romanik fast ausnahmslos hohe Geistliche waren, die auf Reisen nach Italien und Byzanz baukünstlerische Erfahrungen sammeln konnten. Der romanische Baustil in Italien (11. bis 13. Jh.) wird geprägt durch den Dom von PISA (s. Abb. 45), wobei der Campanile als schiefer Turm der Domanlage sicherlich nicht geplant war. Des weiteren möchte ich das Baptisterium Sante Giovanni in Florenz (11.+12. Jh.) (s. Abb. 46) und die Kreuzkuppelkirche St. Marco in Venedig aufzeigen. In Toulouse steht die größte tonnengewölbte Kirche Frankreich, die um 1080 begonnene Kirche St. Sernin (s. Abb. 47). Weitere Zeugen romanischer Baukunst findet man in Cluny (48-49). Dort entstand einst die gewaltigste Klosterkirche des Mittelalters (Baubeginn 1088-1130, teilw. Abbruch ab 1790). Als ?Pyramide der Meere`` wird die Kloster- und Befestigungsanlage Mont Saint-Michel (1023), zu recht betrachtet (s. Abb. 50+51). Bei dem Betrachten der Anlage muss selbst ein Bänker Soll und Haben verwechseln.

Am Ende des Jakobweges kamen die Pilger über den Port du Gard nach Santiago de Compostela (s. Abb. 52) in Nordspanien. Eine Vision offenbarte einem Einsiedler, dass an der jetzigen Stelle der Kathedrale der Apostel Jakobus von Engeln begraben wurde. Als man nachgrub entdeckte man einen Marmorsarkophag und errichtete darüber die Kirche, die zwischen 1075 und 1150 errichtet wurde. Das Portal wurde jedoch in der Epoche des Barocks umgestaltet.

Heute hat man sich weitgehend darauf geeinigt, dass die Wiege der Gotik (1130), in der Gegend von Paris stand. Die Gotik stellt einen Bruch mit der Vergangenheit dar. Dies zeigt sich am Verzicht auf kompakte Mauermassen und auf die Frontalität romanischer Kirchen. An ihre Stelle trat eine leichtere Konstruktionsbauweise, bei der die diagonalen Linien der Decken und der sich dadurch ergebenden Durchblicke, betont werden. Diese Baukunst wurde durch die außenliegenden Strebebalken (s. Abb. 54) ermöglicht. Das neue Raumgefühl steht daher im Zusammenhang mit den rippenüberwölbten Segmenten, sodass die gotischen Bauten, ob groß oder klein, kirchlich oder weltlich, auf eine Art und Weise gegliedert sind, die an Skelettbauten unserer Zeit erinnern. Ebenso neu ist die Betonung der senkrechten, die alle waagerechten Linien in den Hintergrund drängen. Die Schwerkraft wird scheinbar aufgehoben, alles strebt nach oben, dem Himmel zu. Sehr beeindruckend ist dies bei der Barbarakirche zu Kuttenberg (Böhmen)(s. Abb. 53) nachzuvollziehen. Die Abteikirche St. Denis bei Paris (1140-1144) ist das früheste Beispiel dieser neuen Stilbewegung (s. Abb. 56). Bekannt ist ebenfalls die Kathedrale von Reims (1235), die hinsichtlich des geometrischen Liniengefüges in den gotischen Fenstern, Vorbildwirkung hatte (s. Abb. 55). Vorzeigeobjekt jedoch ist die Ste-Chapelle im königlichen Palast in Paris (1243-1248). Bemerkenswert ist hier die Auflösung der Wandflächen zugunsten von Glas und des geometrischen Liniengefüges (s. Anlage 58). Als Hallenkirche ist uns allen die Kathedrale Notre-Dame (Beginn 1200) in Paris bekannt (s. Abb. 57). In Deutschland dauerte es etwas länger bis die gotische Stilepoche Einzug hielt Im Gegensatz zu Frankreich hielt sich die romanische Formensprache in Deutschland noch sehr lange(bis 1250.) Bekanntestes Bauwerk der Gotik ist der Kölner Dom,(1248-1322) der nach den heutigen statischen Erkenntnissen zusammenstürzen müsste. (s. Abb. 59), ferner das Straßburger Münster, (s. Abb. 61) sowie die Heiligkreuzkirche in Schwäbisch Gmünd (1351)(s. Abb. 60). Aus Spanien ist uns auch die Kathedrale von Palma de Mallorca, die den mediterranen Bautyp verkörpert, bekannt. (s. Abb. 62) Ausgehend von Italien eroberte die italienische Renaissance letztendlich ganz Europa. Der Baumeister Filippo Brunelleschi der damals als Begründer der sog. modernen Baukunst betrachtet wurde, entschied sich nach eingehenden Studien der antiken Bauruinen, Elemente der römischen Baukunst zu übernehmen. In genialer Form und zum Erstaunen der Welt, entwickelte er die selbsttragende Kuppel der Kathedrale von Florenz (1420-1436)(s. Abb. 63). Die Konstruktion war zur damaligen Zeit revolutionierend. Er erbaute den tragenden Teil der Kuppel in ringförmigen Lagen aus Ziegelsteinen und gab ihr eine zweite Schale um das Gewicht zu reduzieren. Dabei wird man an das Konstruktionssystem der Schatzkammer des Atreus in Mykene erinnert (s. Abb. 64+65). Selbst Michelangelo wurde durch diese Konstruktion für seinen Kuppelbau St. Peter in Rom inspiriert. Weitere Beispiele dieser Zeit aus Florenz sind uns allen bekannt. Eindrucksvoll ist auch die Neugestaltung der Pforte der mittelalterlichen Burg Castelnuovo (1452) (s. Abb. 66) zum Triumphbogen Alfonsos I. Zwischen den mächtigen Rundtürmen (s. Abb. 79A), wird hier eine gelungene Symbiose zwischen alt und neu sichtbar. Ein schönes Beispiel auch für ein Wohngebäude ist der Palazzo Calergi (s. Abb. 67) in Venedig. In Deutschland waren die Voraussetzungen für die Renaissance anders gelagert als in Italien. Als in Florenz die bedeutendsten Renaissancepaläste entstanden, baute man in hier überwiegend noch in gotischer Form. In Teilbereichen wie die Treppenanlagen und die offenen Arkaden im Schloss von Dresden, wurde der neue Stil verwirklicht, so auch die Westfront der Jesuitenkirche St. Michel (s. Abb. 69) in München (1583). In Deutschland hatte die Baukunst des Barocks eine sehr große Bedeutung, obwohl die Wiege in Italien stand. Es gab zu jener Zeit auch Gegner dieser Bewegung die behaupteten, die Vertreter des Barockstiles seien gekommen um die Baukunst zu zerstören, da sie die bisher akzeptierte strenge Auffassung der Baukunst als Abbild der menschlichen Proportionen verwarfen. Die barocke Baukunst geht auf Wirkung aus, da man wenig Wert auf Materialgerechtigkeit legte. Fehlte der Marmor, so - marmorierte - man Holz oder Gips, konnte man sich kein edles Metall leisten, so vergoldete man Gips. Kuppeln lösen sich in geniale Wolkengebilde auf, um dem Himmel näher zu sein. In Deutschland wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg die zeitgenössische italienische und französische Baukunst übernommen. Deutsche Baumeister, die in Rom studierten waren tonangebend. Es würde den Rahmen sprengen, wollte ich die Meisterwerken barocker Baukunst aufzählen. Daher einige Beispiele aus Deutschland u. a. die Schlossanlage in Würzburg (s. Abb. 71+72), die Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland in Steingade (s. Abb. 75), der Zwinger (s. Abb. 73), und die im Wiederaufbau befindliche Frauenkirche in Dresden. Ein Wiederanknüpfen an die klassisch reine Formensprache der Antike ist der Klassizismus. Es ist bezeichnend, dass der Klassizismus die Anknüpfungspunkte bei den Griechen und nicht wie in der Renaissance bei den Römern sucht. Besonders der dorische aber auch der ionische Stil und teilweise auch ägyptische Stilelemente übten eine große Anziehungskraft aus. In dieser Zeit erkannte man, dass das Bauwesen sich in einen technischen- und in einen ästhetischen Zweig teilen musste, da neue Baumaterialien eingeführt und holzsparende Bauweisen gefordert wurden. In Berlin und Potsdam entwickelte sich der Klassizismus ab 1740, als Georg von Knobelsdorff den Auftrag für den Entwurf der Berliner Staatsoper von Friedrich dem Großen erhielt. Potsdam wurde die künstlerische Domäne Friedrichs, jedoch erhielt Berlin von ihm noch den Dom am Lustgarten, die Hedwigskirche sowie das Palais des Prinzen Heinrich. Nachdem die Bautätigkeiten während des Siebenjährigen Krieges ruhten setzte sie 1763 mit dem Bau des Neuen Palais wieder ein. Ein besonderes Interesse bekundete der König Anfang 1770 dem Gendarmenmarkt. So entstanden 1780-1785 nach den Plänen von Carl von Gontard die Kuppelbauten des Französischen und des Deutschen Doms (s.Abb.76). Kurze Zeit später wurde das Brandenburger Tor von Langhans errichtet (1788-1791). Als Übergangsbau vom Klassizismus zu den Bauten des 19. Jahrhunderts wird das um 1800-1802 von Langhans erbaute Schauspielhaus angesehen, das nach der Totalzerstörung 1817 von Schinkel ab 1819 wieder aufgebaut wurde (s. Abb. 77) und wohl zu einem der bedeutendsten Bauten Schinkels zählt. Es ist müßig, jedes einzelne Bauwerk von Schinkel aufzuführen, da jedes ein bedeutendes Bauwerk ist, jedoch möchte ich hier das Alte Museum am Lustgarten erwähnen. Schinkel stellt hier einen Kuppelraum in das Zentrum des Museums. Erkennbar ist hier die Beziehung Schinkels zum Pantheon in Rom (s. Abb. 78), verbunden mit den Merkmalen der griechischen Stilepoche. Ebenso hatte die griechische Stilrichtung bei dem Entwurf der Neuen Wache großen Einfluss (s. Abb. 79+80).

Der früheste Übergang zur modernen Architektur schaffte Sir Paxton mit seinem Kristallpalast (s. Abb. 81) zur Weltausstellung 1851 in London, (s. Abb. 100), der überwiegend aus Gusseisen, Schmiedeeisen und Glas besteht, jedoch den klassizistischen Stil nicht vergessend, darstellt. Ingenieure und Architekten wollten beweisen, dass auch mit dem Material Stahl Baukunst geschaffen werden kann. Dies gelang auch sehr eindrucksvoll mit dem Schlosswintergarten in Laeken (s. Abb. 82) (Belgien) (1870-1892) von Alphonso Balat . Das bekannteste Bauwerk industrieller Architektur aus Stahl ist natürlich der Eiffelturm in Paris (s. Abb. 83+84), der zur Weltausstellung 1889 erbaut wurde. Die Architektur aus Stahl, dem kalten Material, war revolutionierend. So entstand, orientiert am Eiffelturm, 1926 zur 1. Funkausstellung, nach den Plänen von Heinrich Straumer, unser Funkturm. Weiteres Beispiel dieser Architekturrichtung findet man u.a. in Leipzig mit der Überdachung der 260 m langen und 25 m hohen mit großen Glasflächen versehenen Querbahnsteigehalle des Bahnhofes. Die Jugendstilarchitekten suchten nach einer neuen form- und farbenfrohen Sprache. Die Verwirklichung ihrer Ideen war durch aufkommende Möglichkeiten der künstlerischen Bearbeitung der Materialien, wie Beton, Stahl und Glas, gegeben (s. Abb. 102). Bekanntester Vertreter dieser Stilrichtung ist natürlich Antonio Gaudi mit seinen Wohngebäuden Casa Milá (s. Abb. 103) und Casa Batilós in Barcelona . Mit Erich Mendelsohn beginnt für mich mit seinem Industriebau in Luckenwalde (s. Abb. 89+90) (1922) Die Moderne Baukunst. Der große Industriekomplex von ihm wird durch die einzelnen, teilweise fast vollständig verglaste Baukörper abgesetzt von den, der Funktion entsprechende Bauten die in Beton und Mauerwerk errichtet wurden. Ebenso faszinierend ist sein Einsteinturm in Potsdam (s. Abb.91) der 1926 errichtet wurde und eine futuristische, ahistorische Stilrichtung verkörpert. Natürlich darf hier der Architekt Hans Poelzig als einer der führenden Expressionisten nicht vergessen werden. Mit Walter Gropius, und Mies von der Rohe gründete er den Berliner "Ring" der zur führenden Vereinigung progressiver Architekten geworden ist. Das von Walter Gropiusum 1926 errichtete Bauhaus in Dessau (s. Abb. 93) galt wegen der vorgehängten Glasfassaden in gekonnter Asymmetrie und der zweistöckigen Brückenbebauung als ein epochemachender Bau. Für ihn stand Funktionalismus, handwerkliche Fähigkeit im Vordergrund. Seine radikal minimalisierte Architektur resultierte aus den Bemühungen, alles =Bürgerliche= oder = Unreine = zu verwerfen. Hierzu zählten auch Dachschrägen, Symmetrien, Großzügigkeit und Wärme.

Verehrter Zwingherr, verehrte Gesetzlose,
zusammenfassend kann man wohl feststellen, dass die Antike mit ihren Gestaltungsmöglichkeiten die nachfolgende Baukunst bis heute beeinflusst hat. Die einzig neue Stilrichtung die ich in der Modernen erkennen kann, ist die futuristische Richtung, deren Realisierung durch neue Materialien und Techniken möglich ist. Es werden in gleichem Maße wie die Architekten nunmehr auch die Ingenieure gefordert. Die genialen Entwürfe des Opernhauses in Sydney, oder auch die Überdachung des Sony-Centers konnten nur durch geniale Ingenieure realisiert werden. Die heutige Architektur kann auf die Vorgeschichte zurückgreifen, sie kann sich durch die Vielfalt der Stilrichtungen und in Verbindung mit den neuen Materialien vollkommen frei entfalten.


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Letzte Änderung: 29.04.2003
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