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Gegründet in Berlin am 4. November 1809

Karl Zelter


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Zelter, Karl Friedrich (1758-1832)

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Maurer und Musiker

Man fängt wieder an, ans Leben zu glauben, wenn man solche Menschen sieht, die so tüchtig und redlich wirken, gegen so viele, die nur wie das Rohr vom Winde hin und hergeweht werden,- schrieb Goethe im April 1805 an Charlotte von Stein über seinen Freund Karl Friedrich Zelter, und seinem Herzog gegenüber äußerte er gelegentlich in Hinblick auf diesen stets tatkräftigen Berliner: "Wenn die Tüchtigkeit sich aus der Welt verlöre, so könnte man sie durch ihn wiederherstellen."

Das sind gewiß große Worte für jemanden, der nie den Beifall der großen Welt suchte. Mit gutem Recht konnte noch Schleiermacher an Zelters offenem Grabe dem Toten nachahmen, daß sich in ihm die besten Wesenszüge des Berlinertums inkarniert hätten und er Sold nie um Anerkennung von außen und um anders Gesinnte' gekümmert hätte.

Ganz gewiß war Zelter nie ein Mann des unsicheren Lavierens und der diplomatischen Rückversicherungen. Vorsichtige Urteile waren seine Sache sowenig wie falsche Prestigeansprüche. Aber gerade das Elementare seiner starken Natur verlieh ihm seine von vielen bezeugte geistige Überlegenheit. Seine hohe, würdige Gestalt, seine markigen Gesichtszüge mit den großen, geistvollen Augen machten einen besonderen Eindruck,' berichtet seine Schülerin Wilhelmine Bardua. Man erzählte sich viel Anekdoten von seiner genialen Derbheit; wenn man ihn sah, hätte man sich beinahe etwas vor ihm fürchten können. Seine Ausdrucksweise war sprudelnd von Geist und Humor, dabei war er natürlich und doch auch gutmütig. Immer war es eigentümlich, wie er die Dinge sagte. Der stete briefliche Verkehr mit Goethe hatte seinen Geist gebildet und veredelt, das Naturwüchsige in ihm gemildert und seiner massiven Genialität einen verschönenden Anstrich verliehen; Grobheiten liefen freilich mit unter. Besonders hatten sich die singenden Dilettanten vor ihm in acht zu nehmen; er konnte ihnen manchmal recht unangenehme Dinge sagen. Dennoch hingen all seine Schüler und Schülerinnen mit enthusiastischer Verehrung an ihm.

Auf ihn, dem man so oft seine humorvolle Grobheit angekreidet hat, bezieht sich dann auch Goethes vielzitiertes Wort, mit dem er das Wesen des Berlinertums so prägnant traf: Er war bei der ersten Bekanntschaft etwas derbe, ja mitunter sogar etwas roh erschienen. Allein, das ist äußerlich, und dabei darf man nicht vergessen, daß er über ein halbes Jahrhundert in Berlin zugebracht. Es lebt aber, wie ich an allem merke, dort ein so verwegener Menschenschlag beisammen, daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.' Gleichwohl haben auch andere hinter dieser grundwackeren und trefflichen Natur" mehr als nur einen verläßlichen Mann gewittert. Ein durchaus zutreffendes Psychogramm dieses großen Berliners hat August Wilhelm Schlegel so gezeichnet: Seine Reden sind handfest wie Mauern, aber seine Gefühle zart und musikalisch.

Dieser musische Handwerker, der sich als Organisator des Berliner Musiklebens unsterbliche Meriten um seine Vaterstadt erwarb, betrat am 11. Dezember 1758 als Sohn eines Maurermeisters, der in Potsdam eine Ziegelei besaß und rund 250 Gesellen und Arbeiter beschäftigte, diese Welt, in der er dann so rüstig wirkte. Der Vater, noch aus dem Sächsischen eingewandert, hatte sich schnell emporgearbeitet, so daß er den Sohn auf das Joachimsthalsche Gymnasium schicken konnte, ehe er ins väterliche Geschäft eintrat. Bald avancierte er zum Gesellen, und schon 1783 war er Meister.

Daneben aber führt der junge Zelter ein zweites Leben, das ganz der Musik gehört. Eine Aufführung von Grauns Oper Phaeton' wird bereits dem Schüler zum durchschlagenden künstlerischen Erlebnis. Sogleich setzt der besessene Autodidakt all seine geistigen Energien daran, sich die Welt der Töne zu erobern. Beim Organisten Roßkämmer nimmt er Orgelunterricht, und der Geiger Johann Christoph Schulz unterrichtet ihn im Violinspiel. Schließlich aber erteilt ihm der Cembalist des großen Königs und Gründer der Singakademie, Karl Fasch, die letzten künstlerischen Weihen. Zu ihm nach Potsdam pflegt er sich bereits um drei Uhr in der Nacht auf den Weg zu machen.

Als Friedrich der Große 1786 stirbt, hat Zelter sich bereits als Komponist qualifiziert. Seine Trauerkantate auf den Tod des Königs wird in der Garnisonskirche aufgeführt. Auch sein Vater befindet sich unter den tief ergriffenen Zuhörern, ohne zu ahnen, wer diese Kantate geschrieben hat. Als das Geheimnis der Autorschaft dann gelüftet wird, stellt er seinem einzigen Sohn frei, von nun an nur der Kunst zu leben und eine Studienreise nach Italien anzutreten. Es spricht für Zelters Menschlichkeit und für seinen Realitätssinn, daß er damals nicht vorschnell der Neigung seines Herzens folgte, sondern sich für die harte Pflicht entschied. Vielleicht verfügte dieser junge Berliner bereits über so viel Selbstkritik, um zu wissen, daß er als schöpferischer Musiker ohnehin nicht das Höchsteerreichen und kaum je über ein gediegenes Handwerkertum hinausgelangen könnte.

Nach dem Tod seines Lehrers Fasch begann die große Stunde Zelters zu schlagen, als ihm die Nachfolgeschaft als Leiter der Singakademie angetragen wurde. Sogleich bemächtigte er sich der neuen Aufgabe mit solchem Elan, daß die Singakademie unter seiner Agide ihre Mitgliederzahlvon 147 auf 478 Personen erhöhen konnte. Mit einer bravourösen Aufführung von Mozarts "Requiem' begann damals die große Reihe seiner Veranstaltungen, die für das gesamte deutsche Musikleben modellbildend wirkten. Eine neue Epoche des deutschen Chorgesanges leitete Zelter schließlich ein, als er im Jahre 1808 die erste deutsche"Liedertafel" gründete, bei der nicht nur gesungen, sondernebenso eifrig getafelt wurde. Mit diesem Termin kann man einen merklichen Aufschwung des Männerchorwesens in Deutschland datieren.

Der Organisator des Berliner Musiklebens

Damit hatte Zelter die Aufgabe seines Lebens gefunden. Er wuchs mit seinem Amt über sich selbst hinaus und galt schon nach wenigen Jahren als der eigentliche Initiator der preußischen Musikpflege. Obwohl er noch bis 1812 das väterliche Geschäft mit aller Umsicht weiterführte, wurde er 1809 Professor an der Königlichen Kunstakademie. Dann aber konnte er endlich all seine Kraft für die Reform der Musikpflege in Kirchen und Schulen einsetzen. Um notwendige Anregungen zu empfangen, unternahm er ausgedehnte Studien- und Inspektionsreisen durch ganz Deutschland, nach österreich und Holland. 1820 rief er die Musikalische Bildungsanstalt" ins Leben, aus der dann die Staatliche Akademie für Kirchen- und Schulmusik hervorging, die eine fachgemäße Ausbildung der Organisten und Kantoren garantierte. Darüber hinaus entwickelte er als Leiter der staatlichen Musikalien- und Musikbüchersammlung neue Ideen und legte zugleich den Grundstock zur Musikabteilung der Preußischen Staatsbibliothek. Noch mit einundsiebzig Jahren gründete er den Akademischen Chor'. Die Ehrendoktorwürde, die ihm die Berliner Universität 1830 für seine Verdienste um die Musica sacra verlieh, war eine gerechte Würdigungseiner Verdienste.

Im Zentrum all seiner Bemühungen aber stand die Leitung der Singakademie, die 1827 in ein eigenes, noch von Schinkel entworfenes Haus am Festungsgraben übersiedeln konnte. Am 11. März 1829 fand an dieser Stelle die säkulare Erstaufführung von Bachs Matthäuspassion unter der Leitung von Zelters Schüler Felix Mendelssohn-Bartholdy statt. Schon früher hatte sich Zelter Verdienste um die Bachpflege in Deutschland erworben, als er 1811 die H-Moll-Messe und 1815 die johannespassion der Vergessenheit entriß. Auch die Wiedererweckung der Händelschen Oratorien fällt auf sein Konto.

Im übrigen hat auch der Baumeister Zelter unverwischbare Spuren im steinernen Gesicht seiner Vaterstadt hinterlassen. Viele öffentliche Gebäude und Bürgerhäuser, darunter das bekannte Nicolai-Haus in der Brüderstraße, dessen Umbau er vornahm, zeugen von seinem großen architektonischen Können. Aber auch seine schriftstellerischen Arbeiten, seine Fasch-Biographie und sein eigener Lebensbericht vor allem, tragen ebenso wie seine Briefe und Tagebücher eine ganz individuelle Handschrift. Von seinen Kompositionen hat er nie viel Aufhebens gemacht, so sehr Goethe gerade diese schätzte. Noch höher wertete der Olympier aber Zelters pädagogische Talente, wenn er Eckermann gegenüber bekannte: Wenn ein Geschwindschreiber Zelters Gespräche mit seinen Schülern aufgeschrieben hätte, so besäßen wir etwas ganz einziges dieser Art. Denn in diesen Dingen ist Zelter genial und groß und trifft immer den Nagel auf den Kopf.

Das Ansehen aber, das er in Berlin genoß, war so groß, daß er während der französischen Besatzungszeit in das Verwaltungskomitee berufen wurde, wo er dann mit viel Verantwortungsgefühl und großem Geschick als einer der sieben Könige von Berlin" in schwerer Zeit fungierte, während ihm seine zweite Frau, die Sängerin juliane Pappritz, starb und ihn mit einer großen Kinderschar zurückließ.

Im Bannkreis Goethes

Beziehungen zu Zelter bahnten sich an, als ihm im Hause Hufelands in Jena durch Vernittlung der Gattin seines Berliner Verlegers Unger einige seiner von Zelter vertonten Lieder vorgetragen wurden. Bald entwickelte sich zwischen den beiden so wesensverschiedenen Männern ein intensiver Briefwechsel, der erst durch Goethes Tod ein Ende fand und der später in sechs Bänden zusammengefaßt wurde. Er gilt heute noch als eine lebendige Chronik der Berliner Stadt- und Musikgeschichte. Als Goethes Statthalter in Berlin berichtete Zelter farbig vom Leben in der preußischen Residenz, und immer wieder zeigte sich der Freund von der Frische und Originalität dieses Briefschreibers, der in der Tat mehr als nur hin und wieder eine Kiste Teltower Rübchen zu verschicken hatte, ehrlich begeistert.

Goethe pflegte seinen Briefen gelegentlich neue Liedtexte beizulegen, die Zelter, der mit der Zeit ganz auf den Goetheschen Seelenton eingestimmt war, sogleich vertonte.Viele Proben der Lyrik Goethes sind auf diese Weise zuerstin Zelters Musik in die Welt hinausgedrungen. Fast die Hälfte seiner 260 hinterlassenen Lieder hat Zelter nach den Texten des Weimarer Freundes komponiert, der seine Verse nicht von Musik überdeckt wissen mochte. Einige davon wie der König von Thule haben bis heute noch jede andere Vertonung aus dem Felde geschlagen, und Goethes kraftvolles Ergo bibamus" hat sich lange als eines der beliebtesten Studentenlieder behauptet.

Im Jahre 1802 hatte Zelter den Dichter zum ersten Mal in Weimar aufgesucht. Danach rissen die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden nicht mehr ab. Man traf sich am Frauenplan, aber auch auf Goethes Badereisen in Karlsbad, Teplitz oder Wiesbaden. Als Zelter 1812 dann seinen Stiefsohn verlor, der sein Geschäft übernehmen sollte, tröstete Goethe seinen treuen Wirkens- und Strebensgefährten in einem bewegenden Brief, in dem er ihm als einzigem während seiner Altersjahre das brüderliche Du anbot: Dein Brief, mein geliebter Freund, der mir das große Unheil meldete, welches Deinem Hause widerfahren ist, hat mich sehr gedrückt, ja gebeugt; denn er traf mich in sehr ernsten Betrachtungen über das Leben, und ich habe mich nur an Dir selbst wieder aufgerichtet, Du hast Dich auf dem schwarzen Probierstein des Todes als ein echtes geläutertes Gold aufgestrichen. Wie herrlich ein Charakter,wenn er so von Geist und Seele durchdrungen ist, und wie schön muß ein Talent sein, das auf einem solchen Grunde ruht."

Andererseits war auch Zelter stets zur Stelle, wenn Goethe von Krisen heimgesucht wurde. So eilte er nach Schillers Tod und nach Ulrike von Levetzows Absage, nach der Goethe tödlich erkrankte, aus Berlin herbei, und nur die Gegenwart des Freundes erfüllte den Kranken mit neuem Lebenswillen. Damals standen Goethes Arzte wie vor einem Wunder angesichts der Wirkung der Naturheilmethoden" dieses Berliners, der so viel Gewalt über die Seele des Dichters besaß. Nur nach Berlin wagte sich Goethe zeit seines Lebens nicht mehr, so viele Einladungen auch an ihn ergingen. Dafür entschädigte ihn der Freund mit seinen Berichten, die an Drastik nichts zu wünschen übrig ließen. Darüber hinaus blieb Zelter der "Musikreferent" Goethes, der für ihn in allen Fragen der Musik eine unanfechtbare Autorität war.

Wie sehr aber Zelter mit und durch Goethe lebte und wie sehr dieser Inhalt und Erfüllung seines Lebens war, zeigte sich ergreifend bei Goethes Tod. Ohne ersichtlichen äußeren Grund verfiel Zelter, dem jeder ein hohes Alter vorausgesagt hätte, nach Empfang dieser für ihn so schmerzlichen Nachricht zusehends. Seine Lebenskraft schien sich mit einem Male erschöpft zu haben. Nur noch mit Aufbietung seiner letzten Energien konnte er seine wichtigsten Pflichten erledigen. Kurz vor seinem Tode jedoch ließ er sich in Vorahnung des nahenden Endes eines Abends noch einmal von seiner Tochter in den großen Saal der Singakademie führen. Unter der dort aufgestellten Büste Goethes hob er dann feierlich das Licht hoch empor, verbeugte sich und murmelte: "Exzellenz hatten überall den Vortritt; aber ich folge bald nach." In der Tat starb er bereits am 15. Mai 1832 seinem großen Freunde nach.


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Letzte Änderung: 24.04.2003
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